REVIEW Michels: „Zuhause“
REVIEW
Die Eingeweihten hatten unzählig Jahre geduldig auf diesen Augenblick gewartet, die noch Unwissenden mussten spät begreifen, was ihnen bisher gefehlt hat: Das neue Album von Michels, das nach einer langen Pause im April 2008 erschien – endlich! Wolfgang Michels, der begnadete Singer / Songwriter aus Hamburg und lange Zeit eines des best gehütetsten Geheimnisse unseres Landes, ist in seiner 40-jährigen Karriere bei sich angekommen und stellt seine frischen Segel noch einmal in den Wind.
Nachdem Warner Music 2003 seinen Backkatalog mit neun remasterten Alben sowie zwei Best-Of-Compilations herausbrachte, waren sich Presse und Publikum einig, dass sich in Michels’ zeitlosen Songs immer wieder Neues und Schönes entdecken lässt. Es war für den Künstler Motivation genug, auch nach diversen Rückschlägen weiterzukämpfen und an seine Träume zu glauben. So fügte das Schicksal einen Stein an den anderen und das fertige Mosaik ist ein einzigartiges leuchtendes Bild, nein ein Foto-Album mit dem Soundtrack des Lebens.
Titel und Thema des Albums ist „Zuhause“. Kein fester Ort, eher ein Zustand, Ziel und Sinn einer langen Reise, ein ewiges Suchen und Finden. Produziert wurde das Werk von Franz Plasa in den Home Studios in Zusammenarbeit mit jungen, hervorragenden Musikern. Den Songs hört man diese Mischung aus Erfahrung und Frische an, denn es sind perfekt arrangierte Pop-Songs für Erwachsene mit ausreichend Ecken und Kanten. Da gibt es diverse Single-Hits, großartige Album-Tracks und vor allem kein Füllmaterial. Zwölf Perlen und zwei fantastische Bonustitel, jeder Song hat seine Berechtigung – mehr geht nicht.
Die Michels-Reise beginnt mit der Suche nach einer netten Begleitung („Lover Lover“) und natürlich dürfen die wichtigsten Gepäckstücke „Fernweh“ und „Sehnsucht“ nicht fehlen. Drei geniale Pop-Songs, von lässig bis antreibend. Zeit zum Innehalten, denn „Sehnsucht“ wird als erste Single ausgekoppelt, und die Gedanken wären gerne für einen Moment „Bald Zuhause“. Spätestens hier wird klar, dass diese Reise nicht einfach nur geradeaus verläuft. Michels nimmt den Hörer mit auf emotionale und musikhistorische Trips durch das eigene Leben. Das ist nicht immer einfach, denn Wolfgang Michels spricht wie kaum jemand zuvor (in deutscher Sprache zumindest) die Seele auch an wunden Stellen an, hat Worte für das eigene Schweigen und treibt einem mit seiner wahrhaftigen Poesie die Tränen in die Augen. Das alles ist völlig kitschfrei, ungekünstelt und gänzlich ohne erhobenen Zeigefinger.
Das Album findet seinen Höhepunkt mitten in der „Wüste“ – der reine Wahnsinn! Ein gewaltiger Song mit starken Blues-Wurzeln, dabei aber düster wie die Doors, geheimnisvoll wie Dylan und mit einem Gesang, der den Beinamen Mystik verdient. Überhaupt diese Stimme … sehr eigen und besonders, mal schmeichelnd, mal kratzend, aber immer emotional berührend bis unter die Haarspitzen. Sie gibt den Songs die Kraft und den Zauber. Ob in den grandiosen Balladen „Wenn ich mich so fühl“ und „Du“ (jetzt schon ein Hit!) oder in der Latin-Nummer „Jemand wie Du“. Und weil dieses Album wie ein Roadmovie ist, also einen spannenden Flow hat und dennoch immer für eine überraschende Wendung gut ist, taucht nach dem zärtlichen Hoffnungsschimmer „So oder so“ am Horizont der erdige Rocksong „Was tun“ auf bevor eine romantische „Vollmondnacht“ den Verstand völlig erledigt.
Michels’ Mikrokosmen leben von der Synergie ihrer charakterstarken Einzelteile: Eingängige Melodien, außergewöhnliche Akkorde, lasziver Gesang und herausragende Texte, die nicht verklausuliert und doch mehrdeutig sind. Jeder Song ein Genuss: Champagner für die Ohren, Picasso für den Gaumen und Rosenduft für die Augen. Wunderbarer Sinnestaumel …
So sehr dieses Album auch das Zuhause thematisiert, so sollte man es unbedingt unterwegs hören und sich leiten lassen. In Bewegung gewinnen alle Songs nochmals völlig neue Ebenen und bieten Inspirationen ohne Ende. Angelehnt an ein Zitat von Leon Feuchtwanger bleibt nur noch zu sagen: Wer sich von diesem Album rühren lässt, darf das mit gutem Gewissen tun; denn was ihn gepackt hat, ist die legitime Wirkung reiner, großer Kunst.

www.wolfgang-michels.de
www.myspace.com/wolfgangmichels
Regina Sommerfeld
Es gibt noch keine Kommentare.
Kommentar verfassen
-
Archiv
- Dezember 2008 (1)
- Oktober 2008 (7)
- September 2008 (15)
- August 2008 (5)
-
Kategorien
-
RSS
RSS der Einträge
Kommentarfeed
